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Ein semiotischer Ansatz in der Kunstwissenschaft
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Geschrieben: 13.01.2009 um 04:34 von Anne Borkowski
Diese kritische Zusammenfassung soll kurz die Argumentationslinien und Thesen aus den elf Abschnitten des Aufsatzes „Nicolas Poussin, >Die Mannalese>“ von Felix Thürlemann (1946) aufgreifen.
Als Professor für Kunstwissenschaft/-geschichte an der Universität Konstanz verfolgt der Autor unter anderen die Forschungsschwerpunkte: Bildende Kunst und Architektur in ihrer medialen Vermittlung, Historische Syntax der europäischen Malerei, sowie Bildsemiotik. Auch in dem zu untersuchenden Text, der bereits 1990 in dem Buch Vom Bild im Raum: Beiträge zu einer semiotischen Kunstgeschichte veröffentlicht wurde, verfolgt Thürlemann einen semiotischen Ansatz. Zusätzlich bringt er rezeptionsästhetische und narratologische Aspekte in seiner Argumentation mit ein.
Um der weltneutralen, normativen, semiotischen Kunstwissenschaft gerecht zu werden läst Thürlemann keine zeitgenössischen Metadiskurse in seine Untersuchung mit einfließen. Lediglich durch die Analyse einzelner Bildelemente, so wie durch die Erfassung der Gesamtstruktur möchte der Autor eine angemessene Rezeptionshaltung erarbeiten. Zusätzlich zieht er philosophische und rhetorische Traktate zur Erschließung der zeitgenössischen, ästhetischen Position heran.

In seinem Text konzentriert sich der Verfasser auf ein bestimmtes Darstellungsmittel, welches in der französischen Literaturtheorie als >mise en abyme< bekannt ist. Dieser Begriff bezeichnet eine in das Bild integrierte Teilszene. Jener Bereich zeigt den Rezipient auf, welche Art und Weise er das Werk erschließen sollte und mit welchen inhaltlichen Kategorien die Darstellung zu erfassen sei. Daher übersetzt der Auto >mise en abyme< mit „integrierte Spiegelung“. Laut Thürlemann tauche diese Erscheinungsform im Gemälde „Die Mannalese“ von Nicolas Poussin auf.
Der Kern der Teilszene bestehe hier aus einer jüngeren Frau, die einer Älteren die Brust reicht und damit zugleich ihrem eigenen, zur Seite stehenden Kind die Mutternahrung entzieht. Dazu gesellt sich ein staunender Mann, dessen Blick sich auf die beiden Frauen richtet. In seinem Gesicht spiegelt sich der Ausdruck des Staunens über die bizarre Mutterliebe wieder.

Thürlemann erkenne in den zwei Frauen das topische Motiv der „Caritas Romana“. Er stellt die Hypothese auf, dass diese Caritas Romana-Darstellung einen metaphorischen Bezug zur Gesamtdarstellung – die Errettung des Volkes Israel durch den Mannaregen – habe. Somit wiederhole sich in der Teilszenerie die Struktur des Gesamtbildes. Der Autor nennt dieses Phänomen „integrierte Spiegelung der Äußerung“.
In diesem Zusammenhang stelle der staunende Mann einen exemplarischen Vertreter des Rezipienten dar. Durch ihn soll die gewünschte Reaktion des Betrachters verdeutlicht werden. Daher handele es sich hierbei um die „integrierte Spiegelung des Äußerungsaktes“. Durch diese Figur werde gezeigt, wie man das Bild zu lesen habe.
Die Gruppe, bezeichnet als „integrierte Spiegelung“, soll also als Einleitung, als Exordium in das Gesamtbild dienen. Zugleich reflektiere sie auch das Oberthema, die Mannalese und weise somit ein Erklärungsmuster auf. Ebenso gebe sie den Betrachter ein angemessenes Rezeptionsverhalten vor und verdeutliche den Sinn der Mannalese.

Thürlemann geht davon aus, dass die beiden Frauen und der sogenannte Betrachter den Kern der Teilszene, die um drei weitere Personen erweitert werde, darstellen. Schließlich gleiche der Aufbau der Vierergruppe einer festgelegten Struktur aus der Antike und sei somit ein Antikenzitet. Dazu vergleicht Thülemann das Szenario mit einem Fresco aus dem damaligen Pompeji, (Fresko 9040 im Museo Nazionale in Neapel). Dieses zeigt eine Szene aus der Geschichte Cimon und Pero. Er erkennt, dass es wesentliche Übereinstimmungen in der Positionierung der Figuren, im Detail und in der Farbigkeit gibt.
Ebenso gäbe es zeitgenössische Quellen, die bereits den Bewacher von Cimon (bei Poussin der staunende Mann) als Vertreter des staunenden Betrachters identifizierten.

Im Anschluss möchte Thürlemann die Leidenschaft des Staunens und dessen Auswirkungen erläutern. Bereits die Bezeichnung „Manna“, wurde vom Jesuiten Louis Richeome 1609 wegen des Wortlautes als „Name des Staunens“ übersetzt. Texte von Descartes, Malebrache und Poussin verweisen darauf, dass dem Staunen ein „Wissen-Wollen“ voranginge, welches Neugierde auslöse. Doch die Neugierde könne nicht mit dem bloßen Sehen, „aspect“ getilgt werden, da aufgrund seiner komplexen Natur das betrachtete Objekt Widerstand leiste. Aus diesem „Nicht wissen Können“ entstehe nochmals die Neigung des Staunens. Es folgt das aufmerksame Betrachten, „prospect“ und somit die Suche nach den Mitteln, die verwendet werden müssen, um den Gegenstand gründlich kennen zu lernen. Schließlich werde durch den Verstand ein Interpretationsprozess in gang gesetzt, dessen Resultat neu gewonnenes Wissen sei.
Daher müsse der Künstler Staunen beim Betrachter hervorrufen, damit sein Werk aufmerksam betrachtet werde.
Anscheinend möchte Thürlemann mit dieser ausführlichen Behandlung des Begriffes „Staunen“ durch Quellenforschung wiederholt auf den besonderen Gestus des Mannes hinweisen. So kann man sich vorstellen, dass zum Beispiel eine zornige oder fröhliche Gestik des Mannes dem Bild ihre ganze Aussagekraft nehmen würde. Es würde ein Bruch in der Interpretationslinie stattfinden, die auf das Wunderbare und das irreale Mysterium der Eucharistie hinausläuft. Der Mann könne dann nicht als Vertreter des Rezipienten betrachtet werden und somit käme es nicht zu einem direkten Appell an den Betrachter. Die männliche Gestalt würde lediglich als Stafagefigur dienen. Daher finde ich es gut, dass Thülemann die Bedeutung des Staunens ausführlich erläutert.

In Abschnitt sieben, „Eine Rhetorik der Manipulation“ behandelt der Autor die bildräumliche und erzählerische Ordnung in Poussins Werk. Diese beiden Strukturen dienen dazu den Blick des Betrachters zu leiten. Die Hervorhebung der Caritas-Romana-Gruppe würde besonders durch ihre privilegierte Stellung im Bild und den starken, außergewöhnlichen Farbkontrast erzeugt werden. Das gesamte Bild sei auf kompositioneller und narrativer Umkehrung aufgebaut. So gebe es zum Beispiel auf der einen Seite Figuren, die das Mannawunder schon sehen und auf der anderen Seite Figuren, die davon noch keine Notiz genommen haben. Ebenso könne man in der natürlichen Mutter-Kind-Beziehung auf der rechten Seite gegenüber der Unnatürlichkeit der Caritas-Romana auf der linken Seite eine narrative Umkehrung erkennen. Durch den Mannaregen würden wieder die natürlichen Beziehungen zwischen den Menschen hergestellt werden.
Die „verkehrte Situation“ der Caritas-Romana bezeichne die Unterbrechung des Naturgesetzes durch ein moralisches Gesetz. Es zeuge von Elternliebe, laut Thürlemann, dem ersten Gesetz der Natur. Analog zum Akt des „menschlichen Wunders“ sieht er die göttliche Caritas, welche sich im Mannaregen manifestiert.
Beide Wunder heben die Naturgesetze auf. Somit sei die Caritas Romana, als Mikroerzählung ein Exordium, dass die Makroerzählung, die göttliche Caritas einleite und widerspiegele.
Zusätzlich verweist Thürlemann, neben weiteren liebevollen Verwandtschaftsbeziehungen im Bild, auf die Isotopie der „Kindesliebe“, welche den Charakter der Darstellung ausmache. So solle nun der Betrachter den Mannaregen zu einem semiotischen Objekt machen, welches die Liebe Gottes und das „Mysterium der Eucharistie“ bezeichne. Dazu erstellt Thürlemann eine Homologationsformel : „>Caritas Romana<: Mannawunder : Mannawunder : Eucharistie“. Alle drei Ebenen seien somit metaphorisch übertragbar und können somit als hierarchisch geordnete Erzählung des Äußerungsaktes verstanden werden. Dass heißt, dass außer dem was der Betrachter aus dem Sichtbaren lesen kann, sich nochmals eine zusammenfassende Struktur ergibt, die sich von der Caritas Romana über den Mannaregen bis hin ins Irreale und nicht darstellbare, der Eucharistie erstreckt.
So besitze der Äußerungsakt eine Struktur der Vermittlung.
Im letzten Abschnitt soll dem Leser nochmals in einem kurzen Resumé vor Augen geführt werden, dass es sich in dem Gemälde um eine doppelte Erzählstruktur handele und dass der Betrachter diese als aktives Subjekt erarbeiten sollte. Poussins Ziel sei es gewesen, durch eien manipulative Rhetorik und den Sinneffekt des Staunens den Betrachter dazu zu bringen den richtigen Interpretationsprozess zu verfolgen und den Sinn der Darstellung zu erfassen.

Abschließend führt Thürlemann zwei Grafiken ein, welche zunächst die historischen, zeitlichen Abschnitte: Antike, Altes-, Neues Testament mit den Erzählebenen der Äußerung: Caritas Romana, Mannawunder und Eucharistie gleich setzen. Die Tabelle am Textende führt nochmals die Abstufung der Erzählebenen auf. So solle die >Caritas Romana< als das Wunderbare angesehen werden, der Mannaregen das Wunder bezeichnen und die Eucharistie ein Mysterium aus machen. An Hand dieser Abbildungen wird wiederholend verdeutlicht, dass die Ebenen zusammengehören und resultativ aufeinander aufbauen.

Im Grossen und Ganzen bin ich der Ansicht, dass Felix Thürlemann seine These gut untermauern konnte und die abgerundete Argumentation vorweist. Meiner Meinung nach konnte man seine Argumentation gut nachvollziehen, der Leser bekommt differenzierte Erläuterung zu den einzelnen Schlüsselfiguren und – zeichen. Es scheinen alle Fragen durch eine aufbauende und gut strukturierte Argumentationsfolge beantwortet zu sein. Wobei mir allerdings die Analogie von Mannaregen und Eucharistie zu sprunghaft erscheint und dazu keine Erklärung beigefügt wurde. Dieser Kritikpunkt, entsteht wahrscheinlich durch die karge Behandlung der dritten Ebene „Das Mysterium der Eucharistie“. Leider wird diese Ebene erst in den letzten zwei Kapiteln angeschnitten. Dabei ist dieser Bereich ein entscheidenes Kriterium für die Lesbarkeit und Sinnerschließung des Bildes. Die Erwähnung eines eucharistischen Gehaltes in einer einleitenden These und eine, im Vergleich zu den anderen Abschnitten, ausführlichere Erläuterung hätten diesen Makel sicher beheben können.

Literatur:

Thürlemann, Felix (1990) „Nicolas Poussin; „Die Mannalese“ – Staunen als Leidenschaft des Sehens“. In: Wolfgang Brassat und Hubertus Kohle [Hrsg.] (2003), Methoden-Reader Kunstgeschichte: Texte zur Methodik und Geschichte der Kunstwissenschaft. Köln, 150-164

Abbildung:


Zuletzt aktualisiert: 13.01.2009




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