
Das
Künstlerduo Nicole Six (* 1971) und
Paul Petritsch (* 1968) bereiste für sein letztes Projekt „Atlas“ (2009-2010) virtuell-konkret die Welt, indem es den Erdumfang von 40.000km auf einer aufgelassenen Rennbahn in Spanien im Zeitraum von 81 Tagen abfuhr.
Raum und
Raumerfahrung, die Vermessung der Welt und ihre Dokumentation standen dabei im Zentrum ihres Interesses.
Nicole Six & Paul Petritsch faszinierten nicht die Reise und die damit verbundenen Erlebnismöglichkeiten, auch nicht die Erfahrung des Eigenen in Abgrenzung zu einem Anderen. Ausgehend von dem Wissen um die Größe der Weltkugel und der Einteilung derselben in Zeitzonen, entwickelten sie ein Projekt am Nullmeridian, um die Welt nachzuzeichnen. Idealer Ort für die Umsetzung ihrer Idee schien ihnen eine aufgelassene Rennstrecke in Spanien, die direkt am Nullmeridian liegt und somit den Ausgangs- wie Endpunkt dieser virtuellen und doch faktischen Tour markiert. Dieser geografische „Beginn“ der Welt wurde erst 1884 auf der Internationalen Meridian-Konferenz in Washington festgelegt, was einer Festschreibung der Macht des britischen Empires gleichkam. Gleichzeitig erinnert die Dauer der ersten Phase des Projekts an
Jules Vernes berühmten
Roman „
In 80 Tagen um die Welt“ (1873). Stand für den
Romanhelden Phileas Fogg und dessen amerikanischem Vorbild
George Francis Train die Schnelligkeit der Erdumrundung in Abhängigkeit von modernsten Fortbewegungsmitteln im Vordergrund, so ist für
Nicole Six & Paul Petritsch die Körper-Raum-Erfahrung zentral. Gemeinsam verbrachten sie 81 Tage auf Mofas, klapperten Runde für Rund ab, fühlten sich in die Monotonie ihrer Handlung ein und spürten in tausendfacher Wiederholung dem Raum nach. Da sie sich gedanklich nach Osten bewegten, konnten sie auch die Zeitverschiebungen für sich nutzbar machen und „gewannen“ durch die Datumsgrenze sogar einen ganzen Tag. In einem Index dokumentieren sie in Strichlisten die täglich absolvierten Rundenstände. 81 Fotos, die 24 Stunden belichtet wurden, zeigen Sonnenstände, Wetter und Atmosphäre – nur nicht die
Künstler bei der Arbeit, denn die waren für die eingesetzte Technik „zu schnell“. An- und Abwesenheit, so zeigt sich in der folgenden
Installation in der
Secession, sind wichtige Momente für
Nicole Six & Paul Petritsch.
In ihrer ersten großen Ausstellung in der
Wiener Secession verschenken die beiden ein
Foto der Serie, 20.000fach vervielfältigt und aufgetürmt.
Nicole Six & Paul Petritsch sehen es als Symbol ihrer Reise und als Verdichtung der maximalen Ausdehnung der Welt. Der Stapel wird im Laufe der Ausstellungsdauer hingegen immer kleiner werden und vielleicht sogar ganz verschwinden. Im Kontrast dazu steht Klumpen für den kleinsten
Raum, den ein menschlicher Körper benötigt. Klumpen ist ein Abguss eines Hohlraumes in der Wand der
Wiener Secession, in den sich die
Künstlerin Nicole Six für 24 Stunden während der
Ausstellungseröffnung begeben hat. Suchte sie in ihrer „Weltumrundung“ den maximalen Raum auf, und erspürte sie den Verlust der Dimensionen in der Weite, so steht die Wiener Versuchsanordnung in diametralem Gegensatz dazu. Die
Künstlerin konfrontierte sich hier mit Erfahrungen von Enge, Dunkelheit und Einsamkeit. Gleichzeitig schrieb sie sich in die historisch bedeutende
Architektur des
Ausstellungsraumes körperlich ein, ihre unsichtbare Präsenz sollte die Phantasie der anwesenden
Vernissagebesucher beflügeln. Gleichzeitig arbeitete
Paul Petritsch – ein
Künstlerduo definiere sich, so die beiden, über die gemeinsame (simultane) Arbeit an einem Projekt – weitere Runden in Spanien ab.
Nicole Six & Paul Petritsch operieren in „
Atlas“ mit einem Hauptthema der
Skulptur – dem menschlichen Körper, seinem Volumen, seiner Erfahrungsmöglichkeit. Ohne ihn in diesem Projekt je bildhaft darzustellen, markiert er den Ausgangspunkt jeder Überlegung des Projekts. Um dem Besucher der
Wiener Secession ebenfalls eine markante
Raumerfahrung zu ermöglichen, aktivieren
Nicole Six & Paul Petritsch durch ihre minimalistisch anmutende Setzung von Stapel, Klumpen und Index die Leere der
Ausstellungshalle. Die Hülle der
Architektur, von Joseph Maria Olbrich 1897-98 revolutionär eingesetzt, empfinden sie wie eine Membran, die die plastischen Qualitäten des
Raumes bestimmt. Als performativ, raumbezogen, installativ und doch eigentlich gänzlich ephemer könnte man den
Skulpturbegriff von
Nicole Six & Paul Petritsch beschreiben – verbunden mit einer konzeptuell-empirischen Methodik, mit Hilfe derer sie
Raum und
Körper neu beschreiben.
Die
Ausstellung ist unter dem Titel „
Atlas“ noch bis zum
18. April in der
Wiener Secession zu sehen.
Biografien:
Nicole Six
Geb. 1971 in Vöklabruck
Studium der Bildhauerei, Akademie der bildenden Kunst, Meisterklasse Gironcoli
Paul Petritsch
Geb. 1968 in Friesach
Studium der Architektur, Hochschule für angewandte Kunst, Meisterklasse Hollein
Zusammenarbeit seit 1997
Leben und arbeiten in Wien
Abbildungen:

Abbildung 1:
Nicole Six & Paul Petritsch, Atlas, 24 hours exposure, nr.38, 2010.

Abbildung 2:
Nicole Six & Paul Petritsch, Atlas, Installationsansicht, Secession 2010, Foto: Wolfgang Thaler.

Abbildung 3:
Nicole Six & Paul Petritsch, Atlas, Installationsansicht, Secession 2010, Foto: Wolfgang Thaler.

Abbildung 4:
Nicole Six & Paul Petritsch, Atlas, 24 hours exposure, nr.20, 2010.
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