Kunstforum-Redaktion: Nach ihrem Programm "Germanisch depressiv" 1994 präsentieren Sie zur Zeit den zweiten Teil des Deutschlandführers "Gebrochen Deutsch". Was hat Sie dazu inspiriert sich im Stück mit Fragen auseinander zu setzen wie: "Gibt es eigentlich das Abitur noch? Auswandern oder Einbürgern? Gehöre ich noch als Deutscher in das Land?"
Lutz von Rosenberg Lipinsky: Die anstehenden Jubiläen sechzig Jahre Bundesrepublik und zwanzig Jahre Mauerfall zwingen doch zu einer Art Resumée.
Es hat sich, insbesondere seit der Wiedervereinigung, wahnsinnig viel verändert. Und da empfinde ich es als höchst spannend, mal die Blaupause unserer gedachten Republik an die Realität anzulegen – und festzustellen: Passt nicht! Deutsch ist nicht mehr zeitgemäß!
Kunstforum-Redaktion: In ihrem derzeitigen Programm "Gebrochen Deutsch" nehmen Sie Stellung zur derzeitigen politischen, gesellschaftlichen Situation in Deutschland. Weshalb hemmt Ihrer eigenen Aussage zufolge "Politik" Ihre Kreativität und macht Sie auch noch zornig? Und was hat Sie dazu bewogen dennoch ein "politisches Programm" aufzuführen?
Lutz von Rosenberg Lipinsky: Wie bei vielen Männern wechselte auch bei mir in der Lebensmitte die Todsünde: Früher Wollust, heute Zorn. Der ist aber durchaus auch kreativ, durch Wut und Zerstörung entsteht ja auch wiederum Neues. Tagespolitik langweilt oder frustriert häufig, die lustigsten Kabinettsmitglieder - Frisurwitze werden Sie bei mir auch in Zukunft vergeblich suchen. Ich definiere politisch insofern ohnehin im originären Wortsinn als “die Gemeinschaft betreffend” und spreche daher eher über alltägliche Erfahrungen mit den Strukturen unserer Gesellschaft. Geschichten, die jeder nachvollziehen kann und die daher natürlich trotzdem unterhaltsam sind.
Kunstforum-Redaktion: Gibt es überhaupt einen deutschen Stereotyp? Und wenn ja, wie sieht für Sie ein typischer Deutscher aus?
Lutz von Rosenberg Lipinsky: Deutsch ist jeder, der ordnet.
Kunstforum-Redaktion: Laut eigener Aussage sind Sie unfreiwillig komisch. Soll das heissen, dass Sie "gezwungen" werden komisch zu sein? Und wenn ja, wer oder was nötigt Sie komisch zu sein?
Lutz von Rosenberg Lipinsky: Ich wollte damit lediglich zum Ausdruck bringen, dass es sich bei mir nie um einen Klassenclown gehandelt hat. Ich gehe immer mit ernsthaftem Interesse an gedanklicher Auseinandersetzung auf die Bühne . Und genieße es, mich mit fortschreitendem Alter dort immer weniger produzieren zu müssen, um die Zuschauer dennoch zum Lachen zu bringen. Davon träumt jeder Komiker: Selber völlig ernst zu bleiben und vor sich eine Meute Menschen zu haben, die weinen vor Lachen. Das sind die Sternstunden. Oder wie man bei RTL sagen würde: Star Hours.
Kunstforum-Redaktion: Nach ihrer Trilogie über das weibliche Geschlecht ("Kommen und Gehen", "Der Feminist" und "Der letzte Mann") könnte man Sie als Frauenversteher bezeichnen und annehmen, dass Sie wissen was Frauen und Männer wirklich wollen. Was wollen denn die Frauen und Männer wirklich?
Lutz von Rosenberg Lipinsky: Das wechselt ständig. Aber eines bleibt gleich: Sie wollen nie dasselbe.
Kunstforum-Redaktion: Wieso haben es Ihnen die Frauen so angetan? Inwiefern wurden Sie des öfteren von Frauen auf den Boden der Tatsachen heruntergeholt?
Lutz von Rosenberg Lipinsky: Wie es in “True Lies” so schön heisst: “Du kannst nicht mit ihnen leben, aber Du darfst sie nicht töten.” Es ist einfach ein herrliches, lustvolles Spannungsverhältnis. Angetan haben es mir die Frauen zum einen aus biologisch-hormonellen Gründen, die sich meiner Verfügbarkeit entziehen. Allerdings sind Frauen natürlich auch sozial extrem relevant, weil sie in Zukunft die Führung unserer Gesellschaft übernehmen werden. Da sollte man als Mann rechtzeitig wissen, wie es unter denen läuft, wie man sich am besten anpasst, wenn man überleben will.
Kunstforum-Redaktion: Sie waren 1992 einer der Mitorganisatoren für das Kabarettistinnenfestivals und haben wesentlich dazu beigetragen, dass es zu einem Zusammenschluss von Kabarettistinnen gekommen ist. Warum förderten Sie Kabarettistinnen?
Lutz von Rosenberg Lipinsky: Nach wie vor befindet sich die deutsche Unterhaltung in den Kinderschuhen. Wir haben im Faschismus viele Humorfarben ausgemerzt. Danach kam eine Phase spiessigen Bürgerwitzes. Seit der Einführung des Privatfernsehens wiederum werden wir durch die rheinischen Produktionsfirmen und Sender massiv konfrontiert mit einer häufig sehr eindimensionalen Unterhaltung katholisch - karnevalistischer Prägung mit extrem chauvinistischem Unterton. Daher halte ich es für sehr wichtig, andere Lachformen kennen und genießen zu lernen. Dazu gehört der häufig anders gefärbte Humor vieler Frauen natürlich auch; der meist integrativer und gleichzeitig wesentlich bösartiger sein kann als der männlicher Kollegen, die doch meist von allen geliebt oder zumindest bewundert werden wollen. Vor allem gilt natürlich das Qualitätskriterium – das heisst, das niemand wegen seines Geschlechts engagiert werden sollte.
Kunstforum-Redaktion: Wieso haben Sie sich so lange mit dem Thema Frau/Mann auseinandergesetzt?
Lutz von Rosenberg Lipinsky: Ich bin als Muttersöhnchen und Nesthäkchen weiblich aufgezogen worden und versuche seit meiner Pubertät, meine Männlichkeit zu entdecken, zu behaupten und zu verteidigen. Und muss immer wieder feststellen: Das hat keinen Sinn. Wir Männer sind nur eine austauschbare Anekdote der Geschichte. Das Leben schreitet durch die Weibchen voran. Das Männchen begattet und vergeht.
Kunstforum-Redaktion: Mittlerweile sind Sie auch als Regisseur tätig. In einer Ihrer Pressetexte sagten Sie (ich zitiere): "Schliesslich muss man dafür sorgen, dass aus dem Nachwuchs keine Konkurrenz wird." Wieso fürchten Sie sich vor Konkurrenz aus dem Nachwuchs? Ist drohende Konkurrenz nicht ein Motivator?
Lutz von Rosenberg Lipinsky: Ich halte es hier mit Angela Merkel. Wenn man nicht hoch genug springen kann, sollte man nicht trainieren. Man sollte einfach die Latte tiefer legen.
Kunstforum-Redaktion: Ist schon ein neues Projekt nach "Gebrochen Deutsch" in Planung? Wenn ja - können Sie über das neue Programm uns ein wenig erzählen?
Lutz von Rosenberg Lipinsky: Nächstes Jahr ist wieder Fußball-WM; da gibt es eine Wiederaufnahme meiner aktualisierten Fussball-Comedy-Show “DER LETZTE MANN – 90 Minuten über Frauen und Fußball”. Darauf freue ich mich sehr. Und in der Saison 10 / 11 gibt es ein neues Solo, ja. Da will ich aber noch nicht zu viel verraten...
Kunstforum-Redaktion: Warum ist es für Sie ein Traum in Sachsen-Anhalt aufzutreten? Warum wollen Sie nach dem Auftritt in Sachsen-Anhalt zurücktreten? Ist das ernst gemeint?
Lutz von Rosenberg Lipinsky: Ein Aufenthalt in Sachsen-Anhalt ist natürlich kein Traum. Schon eher ein Grund aufzuhören... Ich überlasse die Einschätzung dieser Aussage dem geneigten Leser – schliesslich wäre es keine Ironie, müsste man sie erklären....
Weitere Informationen finden Sie unter: http://www.allein-unterhaltung.de
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