Valentina Anker
Der Schweizer Symbolismus
und seine Verflechtungen mit der europäischen Kunst
2009, 351 Seiten, 150 farbige Abbildungen, Maße: 25,1 x 30,9 cm, Leinen, Deutsch
Benteli
ISBN: 978-3-7165-1523-5
Im Schweizer Benteli Verlag erschien Ende letzten Jahres der groß angelegte Überblick über den
Schweizer Symbolismus und seine Verflechtungen mit der europäischen Kunst. Die Autorin
Valentina Anker gilt als eine Spezialistin der
Schweizer Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts und schuf mit diesem Band nicht nur eine reich bebilderte Zusammenschau, sondern ermöglicht damit auch eine weiterführende Auseinandersetzung mit dem Phänomen
Symbolismus in all seinen Spielarten.

Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis lässt bereits die Struktur des Buches erahnen: Einer ausführlichen Einleitung folgt die Darstellung von einzelnen
Künstlern. Bereits das Vorwort von
Pierre Rosenberg (ehemal. Direktor des
Louvre) als auch die Einführung machen die Schwierigkeit der Themenstellung deutlich: Lässt sich der
Symbolismus (überhaupt) definieren?
Rosenberg umgeht diese Problematik geschickt, indem er aufzählt, was der
Symbolismus NICHT ist. Auch die zeitliche Eingrenzung (1) wie die Definition von Zentren und Drehscheiben (2) stellt sich als ein schwieriges Unterfangen dar. Zwischen
Romantik und
Surrealismus angesiedelt, verband der
Symbolismus Maler,
Bildhauer,
Dichter,
Musiker und Philosophen über eine anti-positivistische Geisteshaltung, d.h. über ein Interesse am Über-Natürlichen und an der Esoterik, über den Einsatz von Symbolen und das Ansprechen der Gefühlswelten der
Kunstliebhaber – aber über keinen gemeinsamen Stil. Diese Rätselhaftigkeit und Vielgestaltigkeit des Symbolismus ist von den
Künstlern gewollt, diente ihnen die
Kunst doch als Ausdrucksmittel dessen, was nur erfühlt und geglaubt werden könne. Gelehrt aber nicht gerade leichtfüßig, was jedoch mit der Schwierigkeit der Thematik zusammenhängt und dem Versuch der Autorin, möglichst allumfassend zu informieren, leitet
Valentina Anker in den
Symbolismus ein.
Welche Rolle spielen nun
Schweizer Künstler in diesem Geflecht von Theorien und Bildschöpfungen?
Valentina Anker streicht heraus, dass die Schweiz im 19. Jahrhundert weder eine renommierte Ausbildungsstätte noch nationale Ausstellungsstrukturen bot. So waren Schweizer
Künstler gezwungen, beides im Ausland zu suchen. Je nach Sprach- und Kulturzugehörigkeit blickten die
Künstler nach Paris und Brüssel (Westschweiz), nach Mailand und Venedig (Graubünden und Tessin) oder nach München (Deutschschweiz). Dieser inneren Struktur folgend, gliederte
Valentina Anker den Hauptteil ihres Buches, die Beschreibung von Künstlerœuvres, nach geographischen Gesichtspunkten.
Der Reigen der
Künstler (3) beginnt mit den beiden berühmtesten Schweizern der europäischen
Kunstgeschichte:
Heinrich Füssli und
Arnold Böcklin. Hier wird die Methode der Autorin bereits augenfällig, anhand von Themenkomplexen, oftmals repräsentiert durch Bildtitel, die symbolistischen Konzepte in den Gesamtwerken aufzuzeigen (z.B. „Der Nachtmahr“, Die Helden für Füssli sowie „Kentaurenkampf“, Meereswesen, „Das Leben ist kürzer als ein Traum“ und Das Böse bei Böcklin). So stellt
Valentina Anker die Werke nicht als eine Abfolge, eine Entwicklung von
Bildern dar, sondern versucht, sie in Themenkreisen allgemein zu erschließen. Dabei fällt auf, dass der im Titel angekündigten Verflechtung des Schweizer
Symbolismus mit der europäischen
Kunst im Hauptteil weniger Beachtung geschenkt wird als in der Einleitung. Hingegen widmet die Autorin Spiritismus, Hypnose und Parallelismus ein ganzes Kapitel und führt in der Abhandlung von
Jacques-Dalcroze und
Appia wichtige
Fotografien und Überlegungen zur Bedeutung von
Musik, Körper und
Tanz an. Den
Symbolismus über die verwendeten Symbole zu deuten, ist durchaus keine schlechte Idee, zumal eine chronologische Darstellung jegliche Darstellungsform des Überblicks sprengen würde. Eine Synopse der angeschnittenen Themenkomplexe, wenn sie auch am Ende des Einleitungsteils kurz anklingt und ihre Komplexität erahnen lässt, stellt in weiterer Folge noch ein Wunschprojekt dar.
Valentina Anker hat die Aufgabe, den Schweizer
Symbolismus in einer reich bebilderten Publikation zugänglich zu machen, prinzipiell gut gelöst. Wer einen schnellen Einblick in einzelne
Künstlerœuvres und einen Überblick über die Schweizer Symbolisten braucht, ist dieses Buch auch wegen der großen Menge an hochwertigen Abbildungen zu empfehlen.
Anmerkungen:
1. Beginnt der Symbolismus wirklich erst mit den Manifesten von Jean Moreas und Emile Verhaeren, und wie lange dauert er? Bis 1914 oder 1918 oder lässt sich der Surrealismus noch als Teil des Symbolismus auffassen? Ist die Romantik mit ihren teils dunklen Seiten (z.B. eines Füssli, eines Goya, eines Caspar David Friedrich) nicht auch schon symbolistisch, wenn auch avant la lettre?
2. War über Paris hinausgehend auch Brüssel ein Gründungszentrum des Symbolismus?
3. Behandelte Künstler:
Deutschschweiz: Füssli, Böcklin, Welti, Sandreuter, Amiet
Westschweiz: Hodler, Niederhäusern, Jacques-Dalcroze, Appia, Trachsel, Schwabe, Baud-Bovy, Perrier, Vallotton, Biéler, Burant-Provins, Olsommer
Graubünden: Segantini, Giovanni und Augusto Giacometti
Tessin: Rossi, Chiesa, Berta, da Volpedo, Sartori, Franzoni
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