Die andere Seite des Mondes. Künstlerinnen der Avantgarde
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Susanne Meyer-Büser (Hg.)
288 Seiten, 27,0 x 23,0 cm, Hardcover
39,95 € [D] / 53,90 sFr. /
ISBN 978-3-8321-9391-1
DuMont Buchverlag
Die
Kunstsammlung NRW schreibt noch bis 15. Jänner 2012 den kunsthistorischen Kanon der 1920er und 1930er Jahre um, indem sie acht
Künstlerinnen besonders in den Blickpunkt nimmt.
Sophie Taeuber-Arp,
Sonia Delaunay,
Hannah Höch,
Florence Henri,
Claude Cahun,
Dora Maar,
Katarzyna Kobro und
Germaine Dulac werden in ausführlichen Biographien im Anhang (S. 262-286) und – mit Ausnahme Dulacs – im begleitenden Katalog in spannenden Texten vorgestellt. Die
AutorInnen erzählen ein Kapitel europäischer
Kunstgeschichte neu und bringen damit eine vergessene Facette in Erinnerung: Die
Avantgarde wurde nicht nur von
Künstlern erfunden, sondern in der Diskussion mit
Künstlerinnen vorangetrieben.
Die
AutorInnen untersuchen immer die Biografien von zwei
Künstlerinnen im Kontrast zueinander oder einander „ergänzend“. Die Gegenüberstellungen glücken aufgrund fehlender Vergleichsmöglichkeiten nicht immer: Bei
Katarzyna Kobro wurde gänzlich darauf verzichtet; die anderen standen einander wenig freundschaftlich gegenüber, dafür befanden auch sie sich deutlich im Wettbewerb gegeneinander. Dennoch gelingt es, nicht nur die vielfältigen Verbindungen zwischen den
ProtagonistInnen aufzuzeigen („ein flirrendes Netz über die Zentren der
Avantgarde“, S. 9), sondern auch die Voraussetzungen für deren Erfolg festzumachen. Ein Ergebnis ist sicherlich, dass es für
Künstlerinnen keinen „Königsweg“ gab, sondern Wandlungsbereitschaft, Kontaktpflege, daher auch Kommunikation, Mobilität und Unabhängigkeit für Wirkung und Rezeption der
künstlerischen Werke entscheidende Voraussetzungen waren. Es verwundert daher kaum, dass nahezu alle
Künstlerinnen aus gehobenen Verhältnissen stammten und sich ein bohemienhaftes Leben auch finanziell leisten konnten.
Der Titel von
Ausstellung und Katalog „
Die andere Seite des Mondes“ bezieht sich auf die Unsichtbarkeit der Werke dieser
Künstlerinnen. Während ihre Ehemänner und Freunde bereits seit Jahrzehnten als
Protagonisten von
Orphismus,
Dadaismus,
Konstruktivismus sowie
Surrealismus gelten, wurde die Kunst von Frauen aber auch ihre Themenführerschaft marginalisiert bzw. ausgeblendet. Die wissenschaftliche Erforschung der
Kunst von Frauen hat zwar bereits in den 70er Jahren eingesetzt, Anfang des 21. Jahrhunderts finden die Ergebnisse nun zunehmend Eingang in
Museen und
Ausstellungen.
Fazit: Die ganzseitigen
Werkabbildungen in hervorragender Qualität stellen die
Künstlerinnen einzeln vor, die Texte stellen sie einander gegenüber. Der Katalog – ob im Ganzen gelesen oder stückchenweise genossen – verbindet Biographisches mit
kunsttheoretischen Basisinformationen und ist daher eine Empfehlung wert!
Donald Kuspit: Ein Gespräch mit Louise Bourgeois
Aus dem Amerikanischen von Volker Ellerbeck, NichtSoKleineBibliothek Nr. 3
120 Seiten, 25 Abbildungen, davon 15 in Farbe, Broschur, Format 12,8 × 20 cm
ISBN 978-3-905799-13-2
€ 12.80 [D] / € 13.20 [A] / CHF 18.80
Piet Meyer Verlag
An dieser Stelle möchte ich noch auf einen kleinen Band mit einer großen
Künstlerin hinweisen:
Donald Kuspits Gespräch mit
Louise Bourgeois, die am 25. Dezember 2011 ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte. In seiner kompakten Einleitung führt Piet Meyer die Stärke der
Kunst Louise Bourgeois` zusammen. Die späte Anerkennung der Einzelgängerin, die 1911 in Paris geboren, 1938 nach New York auswandert ist und in den späten 70ern erst „entdeckt“ wurde, ist dabei nur ein Phänomen.
Bourgeois bewegte sich stets am Rande des „vorgeblichen stilistischen Mainstreams“, sie verleugnete nie, dass Angst ein wichtiger Quell in ihren Arbeiten war, oder dass ihr Werk mit wenigen Ausnahmen in der privaten, zurückgezogenen Atmosphäre des
Ateliers aus der Spannung mit dem Material entstand.
Donald Kuspit hat sich 1988 der spannenden Herausforderung gestellt, mit der Künstlerin ein langes Gespräch zu führen. Schon aus den ersten Antworten wird deutlich, wie unangepasst
Bourgeois war. Manchmal wirken ihre Auskünfte kurzangebunden, nahezu ruppig, manchmal ist sie zu erstaunlichen Geständnissen aus ihrer Jugend und Ehe bereit, aber ständig ist spürbar, dass sie nicht vorhat, ihrem Interviewpartner entgegenzukommen. Die Grand Dame der
amerikanischen Postmoderne nahm sich in ihren Objekten und Skulpturen immer wieder den urmenschlichen Themen, wie Beziehungen, Liebe, Sexualität, Tod, Angst, Identität, Heim, an, was sie selbst auf ihre Familiensituation in Paris zurückführte.
Bourgeois sprach mit dem
Autor aber auch über das Privileg, einen Umgang zum Unbewussten zu haben (und dass sich das nicht mit Kindererziehung vereinbaren lässt), sublimieren zu können, über ihr Desinteresse an der Anerkennung in der
Kunstszene New Yorks, die Bedeutung des Feminismus für ihr Werk.
Fazit: Absolut lesenswerter Einblick in die Gedankenwelt einer der größten
Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts! Nicht nur ein Geburtstagsgeschenk für
Louise Bourgeois, sondern für alle LiebhaberInnen ihrer
Kunst.
Abbildungen:

0 Die andere Seite des Mondes, Cover (DuMont)

1 Sophie Taeuber-Arp, Bar Aubette (Rekonstruktion), 1926-28/1998, Teil des Gesamtkomplexes Aubette in Strassburg, Entstehungszeit: 1926/28, Holz, MDF-Platten, Farbe Sammlung Haus Konstruktiv, Schenkung des Vereins "Swiss, made", der Schweizerischen Stiftung Pro Helvetia und des Bundesamtes für Kultur, Foto: A. Burger, Foto © Kunstsammlung NRW

2 Sophie Taeuber-Arp, Muscheln und Blumen, 1938, Relief, Holz bemalt, Durchmesser 59,5 cm, Tiefe 8,2 cm, Stiftung Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp e.V., Rolandswerth, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011
Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2011, © Kunstsammlung NRW

3 Florence Henri, Frauenportrait, 1931, Vintage Print, 27,7 x 23,9 cm, Galerie Berinson, Berlin, © Galleria Martini & Ronchetti, Genova, Foto: © Galleria Martini & Ronchetti, Genova © Kunstsammlung NRW

4 Sonia Delaunay, Tango Magic City, 1913, Öl auf Leinwand, 55,4 x 46 cm, Kunsthalle Bielefeld, © L&M Services B.V. The Hague 20110604, Foto: © L&M Services B.V. The Hague 20110604 © Kunstsammlung NRW

5 Hannah Höch, Von oben, 1926-27, Collage und Fotomontage auf Papier und Karton, 30,5 x 22,2 cm, Des Moines Art Center’s Louise Noun Collection of Art by Women through Bequest, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2011 © Kunstsammlung NRW

6 Katarzyna Kobro, Hängende Konstruktion (1), 1921, Rekonstruktion 1972, Epoxyd-Harz, Fiberglas, Metall, Holz, 20 x 40 x 40 cm, Muzeum Sztuki w Lodzi, Lódz, © Kobro, Foto: © Kobro © Kunstsammlung NRW

7 Claude Cahun, Autoportrait, 1933, 10,8 x 8 cm, Collection David et Marcel Fleiss, Galerie 1900-2000, Paris, © Jersey Heritage Trust, Foto: © Jersey Heritage Trust © Kunstsammlung NRW

8 Dora Maar, Sans Titre (Main-coquillage), 1934, Silbergelatineabzug, Fotomontage, 37,5 x 27 cm (Foto), Centre Pompidou, Mnam/Cci, Paris, erworben 1991, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2011 © Kunstsammlung NRW

9 Louise Bourgeois mit SPIDER IV in 1996, Portrait: © Peter Bellamy/SPIDER IV: © Louise Bourgeois Trust; VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Photo: Peter Bellamy – Abbildung aus der Ausstellung „Louise Bourgeois. Passage dangereux“, die vom 10. Februar bis zum 17. Juni 2012 in der Hamburger Kunsthalle, Hubertus-Wald-Forum, zu sehen sein wird.

10 Louise Bourgeois (1911-2010), Cell XXII (Portrait) (Detail), 2000, Stahl, Stoff, Holz und Glas; 177,8 x 109,2 x 109,2 cm, Privatsammlung, Schweiz © Louise Bourgeois Trust; VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Photo: Christopher Burke – Abbildung aus der Ausstellung „Louise Bourgeois. Passage dangereux“, die vom 10. Februar bis zum 17. Juni 2012 in der Hamburger Kunsthalle, Hubertus-Wald-Forum, zu sehen sein wird.
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