Unter dem Titel „Glanz einer Epoche“ zeigt das
Leopold Museum noch bis zum 20. Juni „
Jugendstil-Schmuck aus Europa“. Die Preziosen wurden aus dem
Hessischen Landesmuseum Darmstadt, dem
Museum für Angewandte Kunst Wien, dem
Wien Museum und Wiener Privatbesitz zusammengetragen, um einen Überblick über die revolutionäre Schmuckproduktion der
Jugendstildesigner zu ermöglichen. So stellt Kuratorin
Patricia Spiegelfeld gleich zu Beginn eine mit Diamanten und Brillanten besetzte Tiara des Wiener Hofjuweliers A.E. Köchert ein elfenbeinernes Diadem von Dagobert Peche für die Wiener Werkstätte gegenüber. Dieser Vergleich macht die Abkehr der
Jugendstilentwerfer von Glanz und Wert der Materialien sowie ihre Hinwendung zu Einfachheit in Gestaltung und Materialeinsatz deutlich.
Die Schmuckstücke des
Jugendstils wurzeln in den sozial- und kunstreformerischen Ideen der präraffaelitischen
Künstler Englands und den formalen Lösungen japanischer Vorbilder. Der britische
Künstler William Morris wollte, ausgehend von sozialistischen und demokratischen Idealen, den Lebensbereich der Menschen mit
Kunst verschönern und dadurch Sitte und Moral heben. Er griff nach mittelalterlichem Vorbild auf alte, handwerkliche Techniken zurück, denn der
Künstler solle kein Sklave der Maschine sein. Trotz dieser Betonung des Handwerklichen und der neuen Rolle des entwerfenden
Künstlers spielte die 1874 gegründete Firma Liberty & Co., in der Schmuck serienmäßig und anonym hergestellt wurde, eine große Rolle. So zeigt sich bereits im späten 19. Jahrhundert eine ideologische Auseinandersetzung zwischen den Präraffaeliten, die die handwerkliche Produktion unbedingt einforderten, und Liberty, der industriell, billig und anonym fertigte.
Der kontinentaleuropäische
Jugendstil lässt sich zudem nicht ohne den Einfluss japanischer
Kunstwerke erklären. Japan hatte 1854 seine politische wie wirtschaftliche Isolation aufgegeben und seine Häfen für europäische Händler öffnen müssen. Inspiriert durch japanische Vorbilder fanden
Jugendstilkünstler ihre Motive hauptsächlich in der Natur. Der Mensch, das Tier und die Pflanze wurden ornamental verwandelt und in filigranen Schmuckstücken miteinander in Verbindung gebracht. Auch für die Materialwahl gaben fernöstliche Objekte neue Anstöße: Elfenbein und Horn fanden erstmals Verwendung in der europäischen
Schmuckkunst.
Die Erneuerung der
Schmuckkunst um 1900 ist zweifelsohne mit dem Namen
René Lalique (1860-1945) verbunden. Der „Erfinder des modernen Schmucks“, wie ihn der
Glaskünstler Émile Gallé nannte, arbeitete mit Horn und Elfenbein, mit unregelmäßigen Barockperlen, farbigen Schmucksteinen und Email.
Lalique brillierte als Erster darin, die Effekte der Edelsteine im lichtdurchlässigen Fensterglasemail, dem so genannten „
pique-a-jour“, nachzuempfinden.
Neben Paris entwickelte sich gleichzeitig auch in Brüssel eine florierende
Jugendstilbewegung, die von den beiden so gegensätzlichen
Künstlern Philippe Wolfers und
Henry van de Velde geprägt wurden.
Philippe Wolfers entstammte einer alten Goldschmiedefamilie und war um 1900 der bedeutendste Juwelier in Brüssel. Der in der väterlichen Werkstatt ausgebildete
Schmuckkünstler setzte ab 1893 erstmals Elfenbein ein, da ihm König Leopold II. das Material aus der belgischen Kolonie Kongo kostenlos zur Verfügung stellte.
Wolfers Entwicklung korrespondiert vielfach mit jener von
René Lalique in Paris. Beide nutzten Pflanzen und Tiere als Motive ihrer Schmuckstücke, Wolfers setzte sie jedoch bevorzugt symmetrisch und stärker stilisiert ein. Er ging sogar soweit, jedem einzelnen Werk einen geheimnisvollen Namen zu geben, wie „
Orchidée ailée“, „
geflügelte Orchidee“. Die Entwürfe des Belgiers sind einzigartig, denn nach der Ausführung der Schmuckstücke wurden die Modelle zerstört. Ganz im Gegensatz zu den floral-vegetabilen Schmuckstücken von
Philippe Wolfers arbeitete Henry van de Velde mit dynamisch-schwingenden Abstraktionen. Der
Architekt, Innenausstatter, Grafiker und
Designer beschäftigte sich mit der Wirkung von abstrakten Ornamenten und freiem Linienfluss und verbreitete seine Formensprache ab 1901 auch in Deutschland.
Der Beitrag Deutschlands zur
Schmuckkunst ist unglaublich vielfältig, wurden hier in den drei Zentren Pforzheim, Hanau und Schwäbisch Gmünd sowohl stilisiert-florale Entwürfe wie auch abstrahierend-geometrische umgesetzt. Beide stilistische „Richtungen“ des
Jugendstils waren für ein breites Publikum erhältlich, da v.a. die seriell gefertigten
Schmuckstücke von Pforzheim die Pariser Vorlagen vereinfachten und daher kostengünstiger waren.
Im Gegensatz dazu produzierte die Wiener Werkstätte manuell und für ein gehobenes Publikum.
Kolo Moser,
Josef Hoffmann,
Carl Otto Czeschka und
Dagobert Peche entwarfen filigrane Schmuckobjekte, wobei
Moser und
Hoffmann streng geometrische,
Czeschka und
Peche ab 1906 vegetabile Formen bevorzugten. Im Vergleich dazu zeigen sich die Schmetterling-Gürtelschließen mit Fensteremail von
Gustav Fischmeister (um 1910) von
Lalique beeinflusst, während
Georg Adam Scheid mit den Entwürfen seines Schwiegersohns
Josef Maria Auchentaller stärker auf eine abstrahierende Formensprache setzte. Auch wenn der
Jugendstil als der letzte gesamteuropäische Stil gilt, so dokumentiert die Ausstellung die national deutlich unterschiedlichen Entwicklungen und zeigt einige wirklich beachtliche Schöpfungen der
Angewandten Kunst.
Literaturempfehlung:
Julius Hoffmann (Hg.): DER MODERNE STIL. Jugendstil 1899 bis 1905
496 Seiten, 24 x 34 cm, ca. 2.500 Fotos und 3.500 Objekt-Abbildungen in Schwarz-weiß
Hardcover mit Schutzumschlag. Einführungstext von Horst Makus in Deutsch und Englisch
EUR 99.80 | CHF 176.00
ISBN: 978-3-89790-229-9
Arnoldsche Art Publishers
1900 feierte der
Jugendstil auf der
Pariser Weltausstellung seinen internationalen Durchbruch, und der Münchener Verleger Julius Hoffmann jr. machte mit „Der moderne Stil“ zwischen 1899 und 1905 die neuesten künstlerischen Entwicklungen in Deutschland bekannt.
Im einführenden Text würdigt Horst Makus die Bedeutung der Veröffentlichung, indem er das verlegerische Unternehmen in den Zusammenhang der Weltausstellungen (Die Pariser Weltausstellung 1900 hatte 83.000 Aussteller und 5 Millionen Besucher! Erst 1895 wurde am Pariser Salon eine Abteilung für
Kunsthandwerk eingeführt.) und die Tradition der Musterbücher stellt. Vor allem die „Hinwendung zum Einzelobjekt“ würde zu einer neuen Präsentationsform führen: Es werden erstmals Entwerfer und Hersteller in den Beschriftungen angegeben. Darüber hinaus bot Hoffmann seinen Lesern bereits weiterführende Informationen zu Biografien und Firmengeschichten. Aus einer beachtlichen Anzahl wichtiger und heute nur mehr schwer zu erreichenden
Kunstzeitschriften sammelte er eine Unzahl von Abbildungen und Informationen, die – nun in chronologischer Reihung und nach Gattungen geordnet – eine wichtige Quelle für Identifikationen darstellt. Möbel, Metallobjekte, Glas, Keramik und Schmuck werden in Schwarz-Weiß-Abbildungen in all ihren Variationsmöglichkeiten vorgeführt. Auf nahezu 500 Seiten bieten
Fotografien von 3.500 Objekten den umfassendsten Einblick in die kunsthandwerkliche Produktion. Die gesamte Bandbreite der ästhetischen Lösungen aus der Hochblüte des
Jugendstils ist in diesem Buch von einem Zeitgenossen kompakt zusammengefasst. Die Dichte an Material, es finden sich u.a. Entwürfe aus Frankreich, Deutschland, den USA, England, Österreich (Tschechien, Ungarn), Dänemark, Niederlande, Schweiz, Belgien, Schweden, Italien. Wenig überraschend ist dabei, dass der Hauptschwerpunkt der präsentierten Objekte auf Französischen Produkten liegt, außergewöhnlicher ist hingegen die starke Präsenz englischer
Kunstgegenstände.
Fazit: Wichtige Quellensammlung zum
Kunsthandwerk des
Jugendstils, das in dieser Form für viele
Kunstzeitschriften wünschenswert wäre! Die Basis für jede ernste und eigenständige Beschäftigung mit dem Thema.
Abbildungen:

1 Brosche, 1910, Entwurf: Josef Hoffmann, Ausführung: Wiener Werkstätte / Karl Ponocny, Modell Nr. G 782, Gold, Perlmutt, Mondstein, Opal, Lapislazuli, Turmalin, Granat, Chrysopras, Durchmesser: 3,8 cm, Privatbesitz, Foto: Decorative Arts Consult

2 Diadem, um 1900, Entwurf u. Ausführung: A. E. Köchert, Wien, Silber, Gold, Diamanten, 8x16x12, Privatbesitz

3 Diadem, 1916, Entwurf: Dagobert Peche, Ausführung: Wiener Werkstätte, Modell Nr. Sch 1103, Elfenbein, Gold, 7,1x13,1cm, Wien Museum, Wien Inv. 53.783 © Wien Museum

4 Gürtelschließe aus der „Cymric“-Kollektion, 1901/02, Fa. Liberty & Co, Ausführung: Fa. W.H. Haseler, Birminham:, Silber, Transluzidemail, 4,9x5,4cm, Hessisches Landesmuseum Darmstadt KG 65:C336

5 Orchideenbrosche, um 1902-05, Entwurf: André-Fernand Thesmar, Ausführung: Henri Hirné, Paris, Gold, Fensteremailtechnik, Transluzidemail, Perle, Höhe: 6,8 cm, Breite: 10,8 cm, Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Inv. KG 65:C330, Foto: Hessisches Landesmuseum Darmstadt

6 Anhänger “Orchidée ailée“, 1902, Philippe Wolfers, Gold, Transluzidemail, Fensteremailtechnik, Goldfolie, Glas, Rubine, Brillanten, 6,4x5,7cm, Hessisches Landesmuseum Darmstadt KG 65:C335

7 Brosche, 1905, Entwurf: Josef Hoffmann Ausführung: Wiener Werkstätte / Karl Ponocny, Modell Nr. G 482, Silber, Gold, Höhe: 5 cm, Breite: 5 cm, Privatbesitz, Foto: Decorative Arts Consult

8 Schmetterling-Broschen, um 1910, Entwurf: Gustav Fischmeister Ausführung: Fa. Rozet & Fischmeister, Gelbgold, Fensteremailtechnik, Diamanten, Rubine, Höhe: 5,7 cm, Breite: 4,3 cm, Tiefe: 1 cm, Fa. Rozet & Fischmeister, Wien, Privatbesitz, Foto: Craig Dillon

9 Zweiteilige Gürtelschließe, um 1900-01, Entwurf: Josef Maria Auchentaller, Ausführung: Fa. Georg Adam Scheid, Wien, Silber vergoldet, Opakemail, Fensteremailtechnik, Lapislazuli, Höhe: 6,4 cm, Breite: 7,5 cm, Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Darmstadt, Sammlung Citroen, Inv. Kg 63:C122, Foto: Hessisches Landesmuseum Darmstadt

10 Julius Hoffmann (Hg.): Der moderne Stil (Arnoldsche Art Publishers)

11 Julius Hoffmann (Hg.): Der moderne Stil, englischer Schmuck, u. a. Guild of Handicraft, vor 1903, S. 415 (Arnoldsche Art Publishers)

12 Julius Hoffmann (Hg.): Der moderne Stil, Georg Jensen, Kopenhagen, vor 1905, S. 444 (Arnoldsche Art Publishers)
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